Hier finden Sie einige Informationen über den Kinofilm „Systemsprenger“, der am 02.09.2019 in die Kinos kommt.
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Flyer_Systemsprenger
TAZ_Artikel

Prof. Dr. Petra Mund
Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin
petra.mund@khsb-berlin.de

Rezension zum Film „Systemsprenger“ von Nora Fingerscheidt
„Systemsprenger“, mit diesem Etikett werden schnell all die Kinder und Jugendlichen
versehen, die mit ihren heraufordernden und oftmals jenseits des Vorstellbaren
liegenden Verhaltensweisen alle Beteiligten, Eltern wie die Professionellen von z.B.
Schule und Kinder- und Jugendhilfe, an die Grenze ihrer Handlungsfähigkeit bringen.

Dabei scheint es manchmal fast so, als sei mit dem Begriff „Systemsprenger“ ein
gemeinsames, meist ausgesprochenes Wissen über die Bandbreite der gezeigten
physischen wie psychischen grenzüberschreitenden Verhaltensweisen der Kinder
und Jugendlichen verbunden. Mit seiner Verwendung birgt der Begriff jedoch die
Gefahr, nicht nur den Blick auf die Heterogenität und Besonderheit dieser als
besonders schwierig etikettierten Kinder und Jugendlichen zu verstellen, sondern
gerade wegen der gezeigten extremen Verhaltensweisen, die dahinter liegenden
Gründe dafür wie die Bemühungen der Professionellen um diese Kinder und
Jugendlichen nicht mehr sehen zu können. Aus fachlicher Sicht ist der Begriff
„Systemsprenger“ daher begrenzt und mit der gebotenen Vorsicht zu benutzen.
Für einen Spielfilm jedoch kann der Titel „Systemsprenger“ gewinnbringend sein und
zwar dann, wenn es ihm gelingt, sowohl verallgemeinerte Verhaltensweisen,
die
Besonderheit der Kinder wie auch das Ringen der Professionellen um tragfähige
Lösungen der Kinder- und Jugendhilfe darzustellen. Und, als wäre dies nicht bereits
genug, wenn dabei keine/r der Beteiligten, egal ob es sich um das betroffene Kind,
seine Mutter oder die Fachkräfte von Jugendamt, Inobhutnahmestelle, Schule oder
Wohngruppe handelt, schlecht weg kommt. Wenn es also gelingt, die extremen
Verhaltensweisen des im Mittelpunkt stehenden Kindes, die Komplexität der dahinter
liegenden Gründe für eben dieses Verhalten sowie die sich daraus entwickelnde
Ohnmacht und Hilflosigkeit der Fachkräfte so verdichtet darzustellen, dass nach dem
Sehen des Filmes allen Zuschauer/innen, egal ob mit dieser Thematik grundsätzlich
vertraut oder eben nicht, die besondere Situation dieser Kinder und Jugendlichen
und das oftmals sehr große Engagement der Professionellen bei der Entwicklung
von Lösungen, mehr als deutlich geworden ist. Ohne an dieser Stelle zu viel verraten
wollen: Diese Aufgabe ist dem Film „Systemsprenger“ mehr als gelungen. Bereits der
Einstieg des Filmes führt das Publikum an den Kern seiner Thematik. Die besondere
Situation der Hauptdarstellerin Benni und ihre traumatische Vergangenheit werden
so ungeschönt dargestellt, dass sich gleich zu Beginn die Frage stellt, wann denn die
eigenen Grenzen im Umgang mit Benni und ihren Verhaltensweisen erreicht wären.
Diese Authentizität in der Darstellung zieht sich durch den ganzen Film. Situationen
wie sie der Film zeigt, sind eine Seite des Alltages in der pädagogischen Arbeit mit
Kindern und Jugendlichen, die als Systemsprenger bezeichnetet werden.
Zuschauer/innen die bis zu dem Film mit diesem Alltag nicht vertraut waren werden
an dieser Stelle vermutlich sagen: Hut ab vor der Leistung der pädagogischen
Fachkräfte und das völlig zu recht. Dabei ist es eine weitere große Stärke des
Filmes, dass er auch die andere Seite des pädagogischen Alltages nicht die aus den
Augen verliert und auch die Liebenswürdigkeit von Benni und ihr trotz widrigster
Lebens- und Familienumstände ungebrochener Wille zu überleben, gelungen
dargestellt werden. Dem Publikum des Filmes wird dadurch das Ringen aller
Beteiligten, in diesen höchst ambivalenten Situationen Änderungen herbeizuführen,
mehr als deutlich. Insgesamt entfaltet der Film nicht nur für (angehende) Fachkräfte,
beispielsweise aus der Kinder- und Jugendhilfe oder der Schule, sondern für alle
Zuschauer/innen vielfältige Themen wie beispielsweise, Traumaarbeit,
Bindungsverhalten oder Beziehungskontinuität, die alle in der pädagogischen Arbeit
mit dieser Zielgruppe berücksichtigt werden müssen. Damit ist „Systemsprenger“ von
Nora Fingerscheidt ein sowohl für die als Systemsprenger bezeichneten Kinder und
Jugendlichen, als auch für alle Fachkräfte, die sich mit ihnen auf den oftmals
langfristigen Weg der Änderung von Verhaltensweisen und Lebenssituationen
machen, wichtiger Film, eröffnet er doch dem Publikum den Einblick in einen Alltag in
der Kinder- und Jugendhilfe, die Möglichkeit des Nachdenkens über das große
Engagement der dort tätigen Fachkräfte und damit auf unterschiedlichen Ebenen
vielfältige Reflexionspunkte.